Umsetzung bestehender Tierschutzvorschriften

Sauenhaltung im Fokus von Tierwohl und Wohlbefinden

Ob die heute übliche Sauenhaltung den Anforderungen an Tierwohl und Wohlbefinden entspricht, wird hier anhand von Beobachtungen bei Betriebskontrollen erörtert. Dies ist eine gekürzte Zusammenfassung eines Vortrags bei der diesjährigen Internationalen DVG-Fachtagung zum Thema Tierschutz in München.

Abb. 1: Muttersau im Abferkelbereich. | © Christa Wilczek

Beurteilungskriterien

Tiergerechtheit

Das Konzept der 5 Freiheiten ist weltweit anerkannt [1] und bildet die Grundlage für verschiedene Mess- und Bewertungssysteme für Tiergerechtheit.

Tiergerechtheit (animal welfare) umfasst

  • Tiergesundheit (animal health),
  • Ausführbarkeit natürlicher Verhaltensweisen (natural behaviour) und
  • Wohlbefinden eines Tieres (positive emotional state),
  • bezogen auf die Indikatoren
  • Ressourcen (z. B. Haltungsverfahren und Platzangebot),
  • Management (z. B. Fütterung, Umgang und Eingriffe) und
  • Tier (z. B. Gesundheitsschäden, Verhaltensstörungen).

Nach dem allgemein anerkannten Bedarfsdeckungs- und Schadensvermeidungskonzept von Tschanz [2] ist ein Haltungssystem nur dann tiergerecht, wenn es dem Tier erlaubt, die ihm angeborenen Verhaltensweisen auszuleben und somit Bedürfnisbefriedigung, Bedarfsdeckung und Schadensvermeidung zu erreichen. Ist dies nicht der Fall, entsteht Leiden, da das Tier seine unzureichende Bewältigungsfähigkeit erlebt.

Tierwohl

Bei einem Treffen zum 6. Farm Animal Well-Being Forum wurde über aktuelle internationale Entwicklungen beim Tierwohl diskutiert und festgestellt, „dass das Thema Tierschutz neben praktischen auch moralische Dimensionen hat. Hierauf sollte die Politik viel stärker eingehen.“ [3].

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) [4] verbindet die Begriffe Tiergerechtheit und Tierwohl eng miteinander, da diese Tiergesundheit, Tierverhalten und Emotionen umfassen. Wenn Tiere gesund sind, ihr Normalverhalten ausführen können und negative Emotionen vermieden werden (z. B. Angst, Schmerz) könne von einer guten Tierwohlsituation bzw. einer tiergerechten Haltung ausgegangen werden.

Wohlbefinden

Im August 2002 wurde der Tierschutz als Staatsziel in Art. 20a Grundgesetz (GG) verankert und ist damit ein sehr hohes Verfassungsrechtsgut. In § 1 Tierschutzgesetz (TierSchG) ist der Grundsatz festgelegt, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.

Leiden

Gemäß Tierschutzrecht werden Leiden durch „der Wesensart des Tieres zuwiderlaufende, instinktwidrige und vom Tier gegenüber seinem Selbst- und Arterhaltungstrieb als lebensfeindlich empfundene Einwirkungen und durch Beeinträchtigungen seines Wohlbefindens verursacht“ (VGH Mannheim, 1994) [2]. Nach den gängigen Tierschutzkommentaren [5,6,7] setzt Leiden nicht voraus, dass Tiere krank oder verletzt sind. Somit ist eine Einschränkung in den jeweiligen Funktionskreisen als Leiden zu bewerten – erhebliche Leiden liegen dann vor, wenn ein haltungsbedingter Ausfall an Verhalten eintritt (z. B. reduziertes Bewegungsverhalten, fehlendes Sozialverhalten, Apathie).

 

Entnommen aus DTBl 7/2019