Jahresbericht 2017 der Europäischen Arzneimittelagentur

Pharmakovigilanz in Europa

Der 15. öffentliche Jahresbericht der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) zur Pharmakovigilanz von Tierarzneimitteln ist erschienen. Der „Public Bulletin“ soll einen Betrag zur öffentlichen Kommunikation über Sicherheitsaspekte und Nebenwirkungen von Tierarzneimitteln leisten und adressiert insbesondere Tierärzte und die Öffentlichkeit.

Abb. 1: Anteil der Meldungen über unerwünschte Ereignisse nach Tierarten, die 2017 infolge der Anwendung von CAPs eingegangen sind.

Der Bericht geht auf die wichtigsten Ergebnisse der Pharmakovigilanz- und Post-Marketing-Überwachungsaktivitäten der EMA für Tierarzneimittel im Jahr 2017 ein. Im Bericht fasst der veterinärmedizinische Ausschuss (CVMP) die Empfehlungen zur Änderung von Gebrauchsinformationen bei zentral zugelassenen Produkten zusammen und hebt die wichtigsten Maßnahmen laufender Überwachungen hervor. Eine Zusammenfassung der Diskussionen und Vereinbarungen zu national zugelassenen Produkten durch die Pharmakovigilanz-Arbeitsgruppe (PhVWP) ist ebenfalls enthalten.

Dem Bulletin zufolge ist das jährliche Meldeaufkommen zu Nebenwirkungen auf europäischer Ebene zu zentral zugelassenen Produkten (Centrally Authorised Products, CAPs) stark angestiegen und umfasste 2017 mehr als 26 000 Meldungen zu Tieren und über 700 Berichte zu Menschen, die Tierarzneimitteln ausgesetzt waren. Insgesamt hat die Datenbank ihr Volumen seit der Einrichtung 2005 auf über 250 000 Meldungen gesteigert.

Die Meldungen für 2017 beziehen sich auf insgesamt 152 Veterinärprodukte, das sind ca. 80 Prozent aller CAPs. Erstmals überschritten die Meldungen von außerhalb der EU mit über 15 000 Berichten deutlich das Meldeaufkommen innerhalb des europäischen Raums (> 10 000 Berichte). Die USA, Brasilien und Kanada übermittelten die meisten Auslandsmeldungen. Etwa 40 Prozent der Berichte entfielen auf Antiparasitika, gefolgt von den immunologischen Präparaten (v. a. Impfstoffe) mit über 20 Prozent. Die Zahlen korrelieren mit den relativen Verkaufszahlen dieser Produktgruppen und deuten daher nicht automatisch auf ein ungünstigeres Risikoprofil der enthaltenen Präparate im Vergleich zu anderen Produktgruppen hin.

Im Hinblick auf die betroffenen Tierarten bezog sich der weit überwiegende Teil der Berichte mit fast 90 Prozent auf Kleintiere; drei Viertel aller Meldungen betrafen allein den Hund (Abb. 1). Nur etwa 10 Prozent der Berichte fallen in den Bereich der Nutztiere einschließlich der Pferde. Die Gesamtzahl der Berichte über Lebensmittel liefernde Tiere ist im Vergleich zu 2016 sogar zurückgegangen.

Es wird festgestellt, dass die Anstrengungen zur Verbesserung der Berichterstattung für Lebensmittel liefernde Tiere bislang keine nennenswerten Auswirkungen hatten und intensiviert werden müssen. Der CVMP betont weiterhin, dass die Kommunikation mit den Tierärzten sowie das Feedback bezüglich Pharmakovigilanzberichten insgesamt verbessert und ausgebaut werden sollte. Dies wurde in den Arbeitsplänen für den CVMP und die PhVWP für das Jahr 2018 als Priorität berücksichtigt.

Informationen in Kürze

Akute Polyneuropathie mit respiratorischem Versagen durch Monensinintoxikation bei einem Hund

Monensin ist ein Kokzidiostatikum, das in der Geflügelmast als Futtermittelzusatzstoff breite Verwendung findet. Das Ionophor erhöht u. a. die intrazelluläre Natriumionenkonzentration, reduziert damit das transmembranöse Potenzial und steigert den zellulären osmotischen Druck. Bei Vergiftungen sind in erster Linie das periphere und zentrale Nervensystem sowie das Herz betroffen, aber auch renale Dysfunktionen wurden beschrieben.

Im Journal of Veterinary Emergency and Critical Care (2018) berichten Bosch und Mitarbeiter von einer Monensinintoxikation bei einem 9 Monate alten Australischen Hirtenhund. Der Hund wurde in der Klinik aufgrund progressiver generalisierter Schwäche, die als schlaffe Tetraparese diagnostiziert wurde, sowie Atemnot vorgestellt. Zusätzlich wurde eine Hyperthermie festgestellt. Die Anamnese ergab, dass der Hund einige Tage zuvor Zugang zu Monensin hatte und dies vermutlich aufnahm. Blut- und Urinuntersuchungen ergaben erhöhte Serum-Kreatininkinasekonzentrationen sowie den Verdacht auf Myokardschäden (erhöhtes kardiales Troponin I) und Myoglobinurie. Die Therapie umfasste eine künstliche Beatmung über 5 Tage, Infusionen, aktives Herunterkühlen, Antibiotika, Analgetika, Magenschutz, Antiemetika, künstliche Ernährung, kontinuierliche Pflege und Physiotherapie. Die intravenöse Gabe von Lipiden, das sog. „Lipid Rescue“, zeigte keinen eindeutigen Erfolg auf den Krankheitsverlauf. Der Patient konnte nach einem 12-tägigen Klinikaufenthalt vollständig genesen entlassen werden.

Quelle: Bosch et al. (2018): Acute polyneuromyopathy with respiratory failure secondary to monensin intoxication in a dog. Journal of Veterinary Emergency and Critical Care 28 (1): 62–68.

Schwerwiegende Nebenwirkung nach schneller intravenöser Injektion von Levetiracetam bei einem Hund

Tiere mit Clusteranfällen oder im Status epilepticus sind häufige Patienten in der tierärztlichen Notfallpraxis und erfordern ein umgehendes therapeutisches Handeln. Im Journal of Veterinary Emergency and Critical Care (2018) berichten Biddick et al. vom Fall einer schweren Reaktion eines Hundes auf das Antiepileptikum Levetiracetam, das sowohl in der Humanmedizin als auch in der Veterinärmedizin aufgrund seiner geringen Lebertoxizität insbesondere bei Patienten mit unbekanntem Leberstatus eingesetzt wird. In Deutschland erfolgt dies im Therapienotstand nach § 56a Arzneimittelgesetz, da keine veterinärmedizinischen Arzneimittel mit Levetiracetam zur Verfügung stehen.

Eine 8-jährige Chihuahua-Hündin wurde anlässlich von Clusteranfällen und Tachypnoe zur Überwachung und weiteren Diagnostik in eine Klinik überwiesen. Dort wurden eine Sinustachykardie, eine Tachypnoe mit leicht erschwerter Ausatmung und Röcheln sowie eine erhöhte Lactat-Plasmakonzentration festgestellt. Die Hündin erhielt eine intravenöse Dosis unverdünntem Levetiracetams (60 mg/kg) und zeigte umgehend eine Verschlimmerung der Tachykardie sowie Hyperglykämie, Hypotension und Somnolenz. Weder der Blutdruck noch der Bewusstseinszustand sprachen auf eine intravenöse Flüssigkeitstherapie an. Nach Applikation von Epinephrin verbesserten sich die Symptome jedoch. Im weiteren Verlauf entwickelte die Hündin ein respiratorisches Versagen und kurz nach der Einleitung der künstlichen Beatmung verstarb sie aufgrund eines Herzstillstands. Neben einer leichten fokalen Meningitis, die traumatisch bedingt sein könnte, wies die Obduktion u. a. auf ein Lungenödem mit einer leichten interstitiellen Pneumonie und entzündlichen Zellinfiltraten hin. In Verbindung mit einem leichten Leberstau deuten die Autoren diese Befunde als mögliche Hinweise auf eine Anaphylaxie oder ein Schockgeschehen.

Die Autoren des Berichts weisen darauf hin, dass im vorliegenden Fall das Levetiracetampräparat nicht gemäß der Fachinformation verdünnt und langsam (über 15 Minuten) intravenös injiziert wurde. In der Humanmedizin, wo die Anwendung von Levetiracetam häufiger erfolgt, wird in der Literatur nur sehr selten von schwerwiegenden Nebenwirkungen berichtet. Bei den zitierten Vorfällen handelte es sich wahrscheinlich um idiosynkratische Reaktionen, sodass der Verdünnungsgrad und die Injektionsgeschwindigkeit vermutlich keine Rolle spielten. Aus der Veterinärmedizin sind zurzeit keine vergleichbaren Fälle bekannt. Da zum jetzigen Zeitpunkt die Pathologie der subakut aufgetretenen schwerwiegenden Nebenwirkungen der Chihuahua-Hündin nicht eindeutig geklärt ist, raten die Autoren des Fallberichts dazu, Levetiracetam bei intravenöser Applikation gemäß der Fachinformation nur verdünnt und langsam zu verabreichen.

Quelle: Biddick et al. (2018): A serious adverse event secondary to rapid intravenous levetiracetam injection in a dog. Journal of Veterinary Emergency and Critical Care: DOI: 10.1111/vec.12693, pp 1–6.

Emotionale Reaktionen und Bewältigungsstrategien von Tierärzten beim Auftreten von Nebenwirkungen in der Kastrationspraxis

White berichtet in der Fachzeitschrift Anthrozoös (2018) von einer Studie, in der 32 Tierärzten Fragen zu ihren Erfahrungen, Gedanken und Reaktionen auf Ereignisse mit schwerwiegenden Nebenwirkungen (lebensbedrohliche Komplikationen oder Tod) bei Patienten im Rahmen von Kastrationen oder Sterilisationen beantworteten.

Die Studienteilnehmer schilderten das Erleben von unmittelbaren Gefühlsreaktionen auf die Vorfälle, wie Schuldgefühle, Traurigkeit, Angst und Selbstzweifel und drückten Mitgefühl für die Besitzer oder andere von dem Ereignis betroffene Personen aus. Für eine erfolgreiche, langfristige Verarbeitung der Vorfälle durch die Studienteilnehmer schienen vier Faktoren ausschlaggebend zu sein: fachliches Lernen, Perspektive und Bewertung, Unterstützung und Kollegialität sowie emotionales Lernen. Fast alle Teilnehmer betonten die Wichtigkeit des fachlichen Lernens zur Vermeidung von schwerwiegenden Zwischenfällen durch die Verbesserung der eigenen Fähigkeiten. Um von dem Ereignis eine allgemeinere Erkenntnis ableiten zu können, setzten die Studienteilnehmer den Vorfall in einen größeren Kontext. Für viele Tierärzte hatten Gespräche mit anderen Tierärzten, sowohl für den fachlichen Rat als auch für die psychosoziale Unterstützung, einen hohen Stellenwert. Einige Studienteilnehmer erlernten durch die Erfahrung den emotionalen Umgang mit dem Auftreten schwerwiegender Nebenwirkungen in ihrem Tätigkeitsfeld. Der Zeitrahmen für die Verarbeitung dieser Erfahrungen war individuell unterschiedlich. Während manche Tierärzte in der Lage waren, Gefühle wie Traurigkeit, Schuld und Selbstzweifel binnen eines Tages bis zu einer Woche zu verarbeiten, waren andere nachhaltig traumatisiert und litten über Monate bis hin zu Jahren unter den Folgen der Ereignisse. Einige Tierärzte entschieden sich aufgrund der erlebten Ereignisse dafür, das Berufsfeld zu verlassen, andere wiederum beendeten ihre chirurgische Tätigkeit.

Die Autorin betont die Wichtigkeit, die Bewältigungsmechanismen von Tierärzten nach unerwartet aufgetretenen schwerwiegenden Nebenwirkungen bei behandelten Patienten zu verstehen. Dieses Wissen könne dann genutzt werden, um die Gesundheit und das Wohlbefinden von Tierärzten in der Kastrationspraxis zu unterstützen und sie in ihrem Arbeitsfeld zu halten.

Quelle: White (2018): Veterinarians‘ Emotional Reactions and Coping Strategies for Adverse Events in Spay-Neuter Surgical Practice. Anthrozoös: 31 (1): 117–131.

 

Entnommen aus DTBl 5/2018