Langstreckentiertransporte im Fokus

Länderbeispiele verstärken Zweifel an Zuchtrinderexporten

Im Jahr werden ca. 150 000 Zuchtrinder, meist tragende Färsen, aus der EU, davon 52 400 aus Deutschland [1], in die Türkei, nach Nordafrika, Nahost und Zentralasien exportiert, um dort eine Milchwirtschaft aufzubauen. Obwohl seit Jahren Tierschutzverstöße bei den Transporten und der Schlachtung bekannt sind, finden Trans‧porte weiterhin statt. Hier wird analysiert, ob der Aufbau einer Milchwirtschaft in den ‧Importländern gelingt.

Typische Haltungsform von Rindern in Marokko. | © Frigga Wirths

Unabhängig von der enorm hohen Belastung der Tiere während des Langstreckentransports herrschen am Zielort Bedingungen, die sich erheblich von denen in Deutschland unterscheiden und den Aufbau einer Milchwirtschaft mit der Genetik unserer Tiere erschweren.

Standortfaktoren erschweren die Haltung von Hochleistungsrindern

Klimatische Bedingungen

Die aus Deutschland exportierten Rassen sind nicht an hohe Außentemperaturen angepasst. Bereits ab ca. 20 °C geht die Futteraufnahme zurück und die Milchleistung sinkt [2]. In Deutschland verbraucht man für die Herstellung von einem Liter Milch ca. 600 Liter Wasser; bei einer Milchleistung von 20 Litern pro Tag benötigt eine Kuh bei 30 °C Außentemperatur ca. 100 Liter Wasser täglich.

In vielen Drittländern herrscht große Hitze, wodurch u. a. der Wasserbedarf der Tiere steigt. Aber Schatten, Ventilation sowie eine ausreichende Wasserversorgung zur Vermeidung des Hitzestress sind nicht vorhanden [3]. Hinzu kommt, dass bei hohen Temperaturen und Mineralstoffmangel die Fruchtbarkeit der importierten Kühe sinkt. Wird die Kuh nach der Abkalbung nicht bald wieder tragend, wird die Haltung rasch unwirtschaftlich.

Europäische Kühe können bei Hitze große Mengen an Milch geben, wenn die Ställe klimatisiert sind oder über Berieselungsanlagen verfügen. So hält man in Israel und Saudi-Arabien unter enormem Energie- und Wasserverbrauch Hochleistungskühe. Es werden tiefe Brunnen gegraben, wodurch der Grundwasserspiegel sinkt [4,5]. Als Folge des Klimawandels werden die Temperaturen weiter steigen und Wasser knapper werden.

Futterangebot

Europäische Hochleistungskühe brauchen ausgewogenes, nährstoffreiches Futter, das in den meisten Drittländern nur eingeschränkt verfügbar ist. Dort schwanken Futtermenge und -qualität saisonal. Es gibt Dürren und Überschwemmungen, die Böden sind oft schlecht, es wird nicht regelmäßig gedüngt, das Futter ist arm an Mineralien und Vitaminen, die Weidepflanzen sind energie- und proteinarm, rohfaserreich und schwer verdaulich. Bewässerung ist nicht möglich oder zu teuer. Auf geeigneten Flächen baut man Pflanzen als Nahrung für die Menschen an. Futterflächen sind häufig durch Müll oder chemische Rückstände belastet. Die Bevorratung von Heu oder Silage scheitert am mangelnden Pflanzenaufwuchs, am Klima und an technischen Voraussetzungen.

Zwar können europäische Rassen durch ihr hohes Futteraufnahmevermögen die geringe Verdaulichkeit des zur Verfügung stehenden Futters teilweise kompensieren, doch sie haben einen hohen Erhaltungsbedarf und ihre Futteraufnahme sinkt ab einer Temperatur von 20 °C. Die Möglichkeit, Futter analysieren zu lassen, um die Kühe bedarfsgerecht zu füttern, haben Bauern in den importierenden Ländern meistens nicht.

Kraftfuttereinsatz kann ab einer täglichen Milchmenge von 5 bis 8 Litern notwendig werden, um Versorgungsmängel auszugleichen [6]. Meist handelt es sich um teures Importfutter, das intensiv geführte Großanlagen einsetzen, kleine Betriebe sich aber nicht leisten können.

Als Folge der ungenügenden Fütterung sind die importierten Kühe nicht angemessen ernährt und geben weniger Milch, als möglich wäre [7]. Sie haben Fruchtbarkeitsstörungen und sind anfällig für Krankheiten und Parasiten. Die Kälbergesundheit ist schlecht, zugleich spart man bei Futterknappheit als erstes beim Jungvieh [u. a. 8]. Als Folge ist die Mortalität hoch oder man schlachtet Jungtiere, sodass sie für den Herdenaufbau fehlen. Angesichts des Klimawandels ist eine weitere Verschlechterung des Futterangebotes zu erwarten.

 

Entnommen aus DTBl 8/2019