Vom Lelystad-Virus zur Vollgenomsequenzierung

DVG-Konsiliarlabor für PRRS-Virus

Das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) Stuttgart erhielt am 01.07.2017 von der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft (DVG) die Ernennung zum Konsiliarlabor für das Porzine-reproduktive-und-respiratorische-Syndrom-(PRRS-)Virus. In enger Kooperation mit dem im Haus ansässigen Schweinegesundheitsdienst Stuttgart der Tierseuchenkasse Baden-Württemberg arbeiten die Bereiche Pathologie, Virologie, Serologie und Molekularbiologie an der stetigen Weiterentwicklung der PRRS-Diagnostik und der molekularen Epidemiologie. Ein Schwerpunkt dabei sind Sequenzierungen des Erregergenoms und der Aufbau einer PRRSV-Sequenzdatenbank.

PRRSV-Partikel im Transmissionselektronenmikroskop. | © Valerij Akimkin/CVUA Stuttgart

PRRS – die wirtschaftlich bedeutendste Erkrankung der Schweine

Als im Jahre 1987 eine bis dahin unbekannte Tierseuche unter dem Namen „Mystery Swine Disease“ weltweit zu massiven wirtschaftlichen Verlusten in der Schweineproduktion führte, begann eine fieberhafte Suche nach dem Erreger, der mit der aufsehenerregenden Publikation von Wensvoort et al. (1991) zunächst als das „Lelystad-Virus“ bezeichnet wurde. Wegen der unterschiedlichen Symptome, die das Virus verursachte, war die Zahl der Bezeichnungen anfangs vielfältig: Blue Ear Disease, Seuchenhafter Spätabort der Schweine (SSS) und zunehmend die heute gebräuchliche Bezeichnung Porzines reproduktives und respiratorisches Syndrom. Das so bezeichnete Virus PRRSV (Abb. 1) entwickelte sich in Europa und Amerika getrennt voneinander und wurde bald darauf als EU-Virus (PRRSV Typ 1) und US-Virus (PRRSV Typ 2) bezeichnet. Anhand des klinischen Bildes lassen sich die Viren jedoch kaum unterscheiden. PRRS verbreitete sich sehr schnell in der ganzen Welt und ist mittlerweile zu einer der wichtigsten viralen Infektionskrankheiten bei Schweinen geworden. Von 1991 bis 1993 war PRRS in Deutschland eine anzeigepflichtige Tierseuche und ist bis heute eine von der Welt-Tiergesundheitsorganisation (OIE) gelistete Infektion.

Wie der Name der Erkrankung schon andeutet, ist der Verlauf der Infektion bei Zuchtsauen durch reproduktive Störungen wie Aborte, mumifizierte, frühgeborene und lebensschwache Ferkel gekennzeichnet (Abb. 2). Bei Jungtieren und Mastschweinen können die Krankheitssymptome sehr variabel ausfallen. In den betroffenen Beständen steigen die Ferkelverluste, man beobachtet gehäuft Kümmerer und das Auseinanderwachsen der Tiere. Zum Krankheitsbild gehören oft Husten, Fieber, Zyanose, Konjunktivitis und Lungenentzündung (Abb. 3). Auch die Ausprägung und der Schweregrad der klinischen Symptome sind dabei extrem unterschiedlich. Während viele Infektionen symptomlos oder nur sehr mild verlaufen (Husten, Konjunktivitis), können auch seuchenhafte Aborte und schwere Verläufe mit hoher Morbidität und Mortalität beobachtet werden. Im Jahr 2006 infizierten neue sog. highly-pathogenic PRRS-Virus-Stämme (HP-PRRSV) in Asien binnen 6 Monaten über 2 Millionen Schweine mit mehr als 400 000 Todesfällen.

Die wirtschaftlichen Verluste durch PRRS können immense Ausmaße annehmen. Allein in Baden-Württemberg wurden die Kosten auf bis zu 135 000,00 € pro Betrieb und Ausbruch geschätzt. Die Bekämpfung des Virus ist auch 33 Jahre nach seinem ersten Auftreten noch schwierig. Neben strikten Biosicherheitsmaßnahmen, hohen Hygienestandards und optimalem Herdenmanagement sind hierbei Impfung, Diagnostik und Monitoring essenziell.

 

Entnommen aus DTBl 8/2019