Haben gestresste Pferde einen Vorteil?

Dressurprüfungen der hohen Klassen

Das Pferd wird heute v. a. bei der Ausübung des Hobbys Reiten ge- und benutzt. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) hat bereits 2014 zum Thema pferdegerechtes Reiten einen sehr hilfreichen und ausführlichen Beurteilungskatalog für sportliche Veranstaltungen herausgegeben, anhand dessen Richter und weitere Personen nicht pferdegerechtes Reiten und einen hohen Stresslevel der Pferde erfassen und ggf. reglementieren können und sollten [1]. Das Ziel der hier vorgestellten Studie war eine objektive Beurteilung der aktuellen Situation auf nationalen Turnieren mit dem Schwerpunkt Dressur im Hinblick auf tierschutzgerechtes Reiten.

Abb. 1 (© Lena Theile) und 2 (© Sibylle Wenzel)

Das Pferd ist seit Jahrtausenden enger Begleiter und Freund des Menschen und seit genauso langer Zeit wird es ge- und benutzt. In der heutigen Zeit geschieht dies v.a. bei der Ausübung des Hobbys Reiten. Sportliche Wettbewerbe sind vielfach beliebt und bieten aufgrund diverser Gegebenheiten immer wieder Anlass, den Umgang mit dem Partner Pferd kritisch zu hinterfragen. Da, wo persönlicher Ruhm und Ehrgeiz auf der einen Seite, aber auch mangelndes Können auf der anderen Seite stehen, ist die Gefahr groß, dass die Bedürfnisse des Lebewesens Pferd nicht beachtet oder gar vorsätzlich ignoriert werden.

In den letzten Jahren ist immer wieder das nicht pferdegerechte Reiten auf Pferdesportveranstaltungen auch in der Presse thematisiert worden, und die Hyperflexion (Rollkur, Abb. 1) als häufig praktizierte Reitweise in die Kritik geraten. Gerade im Dressursport wird diese Form des Reitens vielfach, auch von namhaften Reitern, angewandt. Bei der Hyperflexion wird die Stirn-/Nasenlinie bei mäßiger bis hoher Halseinstellung des Pferdes aktiv hinter der Senkrechten gehalten, sodass es zu einer starken Wölbung des Halses bei stark gebeugtem Genick mit verminderter Ganaschenfreiheit (Abstand zwischen dem hinteren Rand des Unterkieferastes und dem unteren Rand des Atlasflügels) kommt [2]. Abzugrenzen ist diese Haltung vom klassischen „Vorwärts-Abwärts“-Reiten, bei der das Pferd v. a. in der Lösungsphase am hingegebenen Zügel bei tiefer Einstellung und ohne Beizäumung geritten wird. Aber auch weitere reiterliche Einwirkungen, wie Zügelhilfen, Sporen- und Gerteneinsatz, können Anlass zur Kritik geben.

Die Ursachen und mögliche Erklärungen für einen hohen Stresslevel der Pferde oder für tierschutzrelevantes Reiten auf Pferdesportveranstaltungen können vielfältig sein: Zum einen könnten möglicherweise mangelnde Kenntnisse und Fähigkeiten der Reiter beteiligt sein oder die Extremsituation einer Prüfung. Aber auch intrinsische Faktoren der Pferde selbst könnten zu einem hohen Stresslevel führen. So könnte es naheliegen, dass junge Pferde oder auch Hengste per se einen höheren Stresslevel aufweisen, als z.B. ältere und erfahrenere Pferde oder Wallache. Auch äußere Faktoren könnten geeignet sein, den Stresslevel der Pferde zu erhöhen, auf den die Reiter mit einer stärkeren reiterlichen Gesamteinwirkung reagieren müssten.
Aufgrund der zunehmenden Kritik sowohl an der Reitweise selbst als auch an der Ignoranz mancher Reiter, hat die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) bereits 2014 hierzu einen sehr hilfreichen und ausführlichen Beurteilungskatalog (Beobachtung von Pferd und Reiter) herausgegeben, anhand dessen Reiter, Zuschauer und nicht zuletzt auch Richter „nicht pferdegerechtes“ Reiten und einen nicht tierschutzgerechten Stresslevel der Pferde erfassen und beurteilen können (Abb. 2).

 

Entnommen aus DTBl 2/2020