Das Erlöschen der Approbationen jüdischer Tierärzte im Nationalsozialismus

„Der jüdische Tierarzt hat alles zurückzulassen“

80 Jahre ist es her, dass in Deutschland die Approbationen jüdischer Tierärzte per Gesetz entzogen wurden. Durch Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 17.01.1939 „erloschen“ die Approbationen aller jüdischen Tierärzte zum 31.01.1939 (Abb. 1). Grund genug, in einer Zeit, in der Antisemitismus wieder zunimmt, an die damaligen Ereignisse zu erinnern und die Methoden der Gewöhnung an Unrecht und Verbrechen ins Gedächtnis zu rufen.

Abraham Höxter (1862–1943) wird 1938 von der SA zum Markplatz von Treysa geführt (zweiter von links). Er starb im Ghetto Theresienstadt. | © Familie Eugen Spohr

Bei der Volkszählung vom Juni 1933 wurden im Deutschen Reich 98 Tierärzte jüdischen Glaubens gezählt, was einen Anteil von 1,6 Prozent an der gesamten Tierärzteschaft ausmachte. Damit waren Juden in der Tiermedizin gegenüber dem Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung (0,77 Prozent) zwar leicht überrepräsentiert, aber bei Weitem nicht so häufig vertreten wie in anderen medizinischen Berufen (Ärzte: 10,9 Prozent, Zahnärzte: 8,6 Prozent, Apotheker: 3,6 Prozent) [1]. Auch in der zeitgenössischen Wahrnehmung spielten Juden in der Tiermedizin keine Rolle. So schrieb der Präsident des Deutschen Veterinärrates, Prof. Valentin Stang, nach der nationalsozialistischen Machtergreifung im sogenannten Treuegelöbnis im April 1933 an Adolf Hitler, „dass der Stand der Tierärzte durch seine enge Verbundenheit mit der Landwirtschaft nur wenig marxistisch denkende und fremdrassige Mitglieder aufweist, sondern dass die weit überwiegende Mehrheit von jeher rechts stand und heute eine große Zahl von Tierärzten sich in den Reihen der Nationalsozialisten (…) befindet“ [2], ein Bekenntnis, das für den früheren Präsidenten der Bundestierärztekammer, Prof. Dr. Günter Pschorn, Anlass zur Scham war [3].

Wie alle anderen Juden wurden auch jüdische Tierärzte von Anfang an Opfer der schon bald nach der Machtergreifung der Nazis einsetzenden Verfolgungsmaßnahmen, wie dem Boykott jüdischer Geschäfte und dem Berufsbeamtengesetz vom April 1933 (s. u.). Der Boykott vom 01.04.1933 richtete sich nicht nur gegen jüdische Geschäfte, sondern auch gegen Anwaltskanzleien und Arzt- und Tierarztpraxen. Er wurde von der Bevölkerung eher passiv aufgenommen. Mut und Zivilcourage waren jedoch erforderlich, um an den SA-Posten vorbei jüdische Geschäfte, Praxen und Kanzleien dennoch aufzusuchen. Der jüdische Tierarzt Julius Schömann (1896–1973) berichtete dazu: „Boykott am 1. April 1933, Verschmutzung meiner Fenster und Mietsräume innen und außen, Bedrohung und Misshandlung durch SA und andere Parteimitglieder. Sofortiger rapider Rückgang meiner Praxis. Durch häufige Überwachung meines Einganges wurde meine Klientel eingeschüchtert, mich zu konsultieren“ [4]. Der Tierarzt Leo Pins (1884–1944) diskutierte sehr mutig mit den SA-Leuten und konnte erreichen, dass das Schild „Kauft nicht bei Juden“ nicht direkt an seinem Haus, sondern 5 Meter entfernt angebracht wurde [5]. In Kenntnis der weiteren Entwicklung klingt es unglaublich, wie sich ein Betroffener auf diese Weise ein Stück seiner Würde zurückerkämpfte.

 

Entnommen aus DTBl 2/2019