Pferdezucht, Tiermedizin und innovative Baukunst im 15. bis 18. Jahrhundert

Das einstige kurfürstlich-sächsische Hofgestüt Bleesern bei Wittenberg

Ein riesiger Komplex aus teils baufälligen Stallungen und Scheunen, markante Rundbogenportale, darüber ovale Ochsenaugenfenster und die Jahreszahl „1686“: Als 1996 ein Mitarbeiter des Landesamts für Denkmalpflege das ehemalige Hofgestüt der sächsischen Kurfürsten wiederentdeckte, war die Bedeutung der Bauten vollständig in Vergessenheit geraten. Die frühe sächsische Pferdezucht in Bleesern fehlt bis heute in den einschlägigen Pferdezuchtgeschichten.

Abb. 1: Das Hofgestüt Bleesern bei Wittenberg im heutigen Sachsen-Anhalt (Luftbild, 2020). | © Felix Greif

1997 sollte der „Schandfleck“ im Ortsteil Seegrehna der Lutherstadt Wittenberg beseitigt werden. Es stellte sich jedoch heraus, dass der Entwurf für die ehemaligen Pferdeställe auf den Architekten Wolf Caspar von Klengel (1630–1691) zurückging, einen der wichtigsten deutschen Baumeister des 17. Jahrhunderts, und dass es im gesamten historischen Sachsen kein älteres Gestütsbauwerk gab. Der Abbruch konnte verhindert werden.

Im Jahr 2000 verkaufte die Treuhandanstalt den größten Teil der Gebäude. Der Käufer zerstörte schon 2 Jahre später einen Teil des Daches der inzwischen denkmalgeschützten Anlage und beantragte deren Abriss bei der Oberen Denkmalschutzbehörde. Nach jahrelangen Rechtsstreitigkeiten wurde dieser 2010 genehmigt. Im selben Jahr gründete sich zur Rettung der wertvollen Bausubstanz der gemeinnützige Förderverein Hofgestüt Bleesern2, der Dank eines Darlehens das Denkmal erwerben konnte.

Mitglieder des Vereins haben seitdem die Geschichte des einstigen Hofgestüts Bleesern (Abb. 1) erforscht und sind dabei zu überraschenden Ergebnissen gelangt. Diese wirken sich auf unser Bild von der Geschichte der Pferdezucht und der Gestütsarchitektur in Deutschland und Europa aus und haben auch neue Quellen zur Tiermedizin zur Zeit Martin Luthers zutage gefördert.

 

Entnommen aus DTBl 2/2021