Die Aufarbeitung beruflicher Interaktionen als Qualitätssicherung und Burnout-Prophylaxe

Balintgruppenarbeit für Tiermediziner

Zur Qualitätssicherung tierärztlicher Tätigkeit gehört es wie selbstverständlich dazu, den eigenen Körper bei der Arbeit durch geeignete Maßnahmen zu schützen (Schutzkleidung, Impfungen, Hygienevorschriften, Sicherheitsschutz etc.). Aber wie steht es um den Schutz unserer Psyche? Denn wenn sich jemand schutzlos psychischer Belastung im Beruf aussetzt, leidet nicht nur seine Person, sondern auch seine berufliche Tätigkeit darunter. Tierärzte sind hier keine Ausnahme. Ein Weg zu mehr Psychohygiene im Berufsalltag ist die Balintgruppenarbeit, die hier vorgestellt wird.

Die Balintgruppenarbeit folgt einem bestimmten Ablauf, bei dem der speziell geschulte Gruppenleiter auf die Einhaltung der formulierten Rahmenbedingungen achtet. | © akini – stock.adobe.com

Zunehmend erscheinen besorgniserregende Berichte zum Thema Stress, Überbelastung und Burnout bei praktizierenden Tierärzten [1,2,3, 4]. Hinzu kommt, dass im Vergleich zu anderen Berufsgruppen die Suizidrate unter Tierärzten weltweit auffällig hoch ist [5,6,7,8,9,10]. Die Beweggründe, die einen Kollegen zu diesem irreversibelen Schritt führen, folgen oft direkt aus den Ursachen, die ihn zuerst in die seelische Erschöpfung getrieben haben.

Studien werden in Auftrag gegeben, die erforschen sollen, wie sehr der Beruf des Tierarztes ihn psychisch aushöhlt, bis zur Substanzabhängigkeit, Arbeitsunfähigkeit und Berufsaufgabe [11,12,13,14,15,16]. Die belastenden Faktoren zu benennen, ist ein erster Schritt in Richtung Veränderung, denn nur wenn wir uns darüber im Klaren sind, in was für einem Hexenkessel wir uns manchmal bewegen und wie viel energieraubende Improvisationskunst wir uns dabei abverlangen, kann sich etwas ändern [17,18,19,20,21]. Denn schließlich ist es unsere Entscheidung, ob wir vieles, was inzwischen als Normalzustand im Tierarztalltag gilt, weiterhin als normal hinnehmen möchten oder eben nicht.

Unsere beruflichen Interaktionen mit Kollegen, Tiermedizinischen Fachangestellten, Praktikanten, dem Veterinäramt, dem Tierschutz, den Patienten und insbesondere mit deren Besitzern bzw. unserem Klientel [22] verursachen ein Belastungspotenzial, das unser Wohlbefinden und damit auch unsere Arbeit negativ beeinflussen kann. Manche zeitraubende Interaktion mit einem Patientenbesitzer lässt den einen Kollegen verzweifeln, den anderen dafür nur schmunzeln. Dem Verzweifelten rät man gerne, sich ein „dickes Fell“ zuzulegen, den Schmunzelnden beneidet man um sein bereits vorhandenes dickes Fell. Aber ist das dicke Fell wirklich die Lösung, die unser Leben als Tierarzt erleichtert? Und ist es tatsächlich unser Ziel, die als dünnhäutig benannten Kollegen auszumustern, als bräuchte es eine Art natürliche Selektion?

 

Entnommen aus DTBl 3/2020