Unerwünschte Arzneimittelwirkungen

Antiparasitika bei Igeln – Vorsicht bei der Anwendung!

Der bei uns heimische Braunbrustigel wird v. a. im Herbst häufig als junges untergewichtiges Fundtier in Tierarztpraxen vorgestellt. Bei fast allen Tieren wird ein Zecken-, Floh- und/oder Wurmbefall diagnostiziert, der in der Regel mit Antiparasitika für Hund oder Katze behandelt wird, da in Deutschland keine für den Igel zugelassenen Tierarzneimittel existieren.

Jungigel | © Claudia Pfister

Seit 2008 sind im Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) 14 Fallberichte zu insgesamt 25 Igeln über unerwünschte Wirkungen eingegangen. Ausnahmslos alle betrafen Antiparasitika und über 70 Prozent wurden als schwerwiegend eingestuft. Insgesamt zwölf der Tiere verstarben innerhalb von 2 Tagen nach der Behandlung.

Die meisten Fälle, insgesamt acht mit elf betroffenen Tieren, ereigneten sich nach Gabe von Fipronil. Fast alle Tiere zeigten Apathie, Anorexie und/oder Koordinationsstörungen. Vier Jungtiere (100–300 g) reagierten mit Apathie und starben in Seitenlage innerhalb von 24 bis 36 Stunden. Die relative Häufung von Fipronil bei diesen Meldungen ergibt sich vermutlich aus der weit verbreiteten Anwendung Fipronil-haltiger Präparate durch Tierärzte und Laien; sie signalisiert nicht zwingend eine spezifische Unverträglichkeit des Igels gegenüber diesem Wirkstoff. Allerdings wird von der Anwendung bei sehr jungen, untergewichtigen und geschwächten Tieren abgeraten [1], da diese Patienten zunächst stabilisiert werden müssen.

Zwei Meldungen dokumentieren Todesfälle im Zusammenhang mit Avermectinen: In einem Fall starben drei untergewichtige Jungtiere innerhalb von 24 Stunden nach topischer Behandlung mit Selamectin. Ein weiteres Jungtier starb zwei Tage nach Injektion von Doramectin. Differenzialdiagnostisch wurde aufgrund der zentralnervösen Symptomatik, der Dosis und der pathologischen Befunde eine durch den schlechten Allgemeinzustand begünstigte Avermectin-Vergiftung vermutet. Ob Avermectine bei Igeln in geeigneter Dosierung sicher in der Anwendung sind, lässt sich nicht beurteilen. Bekannt ist, dass spezies- und rassespezifische Unverträglichkeiten gegenüber diesen Wirkstoffen bestehen [2].

In drei weiteren Fällen waren Benzimidazole, zum Teil in Kombination mit Praziquantel, eingesetzt worden und es wurde von mangelnder Wirksamkeit, Apathie und Stachelverlusten berichtet. Stachelverluste können durch starken Milbenbefall und Hyperkeratose verursacht sein [3].

Um Unverträglichkeiten bei der Behandlung von Igeln mit Antiparasitika vorzubeugen, wird daher empfohlen, folgende Hinweise zu beachten:

  • Diagnose und Behandlung von Parasitosen sollte Tierärzten vorbehalten sein
  • bei schlechtem Allgemeinzustand und Grunderkrankungen muss die Parasitenbekämpfung gegebenenfalls zurückstehen, bis das Kardinalproblem behoben ist
  • die Behandlung soll erst nach Erreichen der normalen Körpertemperatur erfolgen (ca. 36 °C)
  • vor der Arzneimittelgabe ist das Körpergewicht zu bestimmen (Küchenwaage mit Gramm-Skalierung). Dosierungen sollten sich an der einschlägigen Fachliteratur orientieren
  • Jungtiere sollten möglichst erst mit chemischen Mitteln behandelt werden, wenn sie ein angemessenes Körpergewicht erreicht haben
  • Präparate mit niedriger Wirkstoffkonzentration sind wegen besserer Dosiergenauigkeit zu bevorzugen. Bei Spot-on-Präparaten ist Vorsicht geboten [4].

Für weitere Informationen zur Behandlung des Igels steht aufwww. pro-igel.de/merkblaetter/merkblaetter.html u. a. das Heft „Igel in der Tierarztpraxis“ zum kostenlosen Download zur Verfügung.

Literatur

[1]    Beck CW (2000): Zur Wirksamkeit von Fipronil (Frontline®) gegen Ektoparasiten: Anwendung gegen Läuse, Milben, Haar- und Federlingsbefall bei diversen Kleintieren. Tierarztl Umsch 55: 244–250.

[2]    Löscher W, Ungemach FR, Kroker R (2014): Pharmakotherapie bei Haus- und Nutztieren. 9. Auflage, Enke Verlag, Stuttgart S. 378

[3]    Döpke C (2002): Kasuistische Auswertung der Untersuchungen von Igeln (Erinaceus europaeus) im Einsendungsmaterial des Instituts für Pathologie von 1980 bis 2001. Inaugural-Dissertation, Tierärztliche Hochschule Hannover, Hannover

[4]    Vorsicht bei auf die Haut zu applizierenden Antiparasitika! Information der Universität Zürich (LINK zu http://www.izz.ch/images/Doc/warnung%20antiparasitika.pdf)

 

Entnommen aus DTBl 09/2017